{"id":233,"date":"2014-11-26T11:43:51","date_gmt":"2014-11-26T09:43:51","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.music-projects-art.de\/?p=233"},"modified":"2014-11-26T11:44:37","modified_gmt":"2014-11-26T09:44:37","slug":"die-konzeptkunst-der-michaela-pods-aue","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.music-projects-art.de\/?p=233","title":{"rendered":"Die Konzeptkunst von Michaela Pods-Aue"},"content":{"rendered":"<p><b><i>Von Prof. Dr. Dr. h.c. Dieter Borchmeyer<br \/>\n<\/i><\/b>Michaela Pods-Aue lernte ich im Zusammenhang mit ihrem letzten gro\u00dfen Projekt \u201eLUX 40\u201c im M\u00fcnchner Postpalast kennen. Es war ein zun\u00e4chst aberwitzig erscheinender Plan: eine seit Jahrzehnten ausrangierte Postzentrale mit ihrer grandiosen Kuppelarchitektur, die heute eigentlich nur gesellschaftlichen Gro\u00dfereignissen wie den Meisterschaftsfeiern von \u00a0Bayern M\u00fcnchen \u00a0dient, \u00a0in \u00a0einen \u00a0Konzertsaal\u00a0 zu \u00a0verwandeln. \u00a0Die \u00a0K\u00fcnstlerin \u00a0hatte \u00a0jedoch \u00a0das ingeni\u00f6se Gesp\u00fcr, da\u00df das akustisch m\u00f6glich, ja ein idealer Auff\u00fchrungsort f\u00fcr bestimmte musikalische Formen sei, die einen Raumklang ben\u00f6tigen, ja gewisserma\u00dfen den Raum mitkomponieren. Es ist zumal die mehrch\u00f6rige Musik der Renaissance, die \u2013 wie einst in San Marco in Venedig \u2013 auf mehreren Emporen gesungen worden ist. So wurde im M\u00fcnchner Postpalast die nach fast 500j\u00e4hriger Vergessenheit auf einem Pariser Dachboden wiederentdeckte 40stimmige Messe \u201eecco s\u00ec beato giorno\u201c von Alessandro Striggio zu einer ungew\u00f6hnlichen Auff\u00fchrung gebracht. Die vierzig Stimmen wurden \u00fcber den ganzen Rundraum des Postpalasts verteilt und das Publikum mit der Musik nicht in der \u00fcblichen Gegen\u00fcberstellung von \u00a0Konzertpodium und \u00a0Zuh\u00f6rerraum konfrontiert &#8211;\u00a0\u00a0 \u00a0sondern \u00a0es \u00a0sa\u00df mitten im musikalischen Geschehen, wurde im Rund des Postpalasts von allen Seiten von den Ch\u00f6ren umt\u00f6nt : Live-surround. Ein gewaltiges, ganz neuartiges Musikerlebnis, welches das Publikum sichtlich ersch\u00fctterte und begeisterte.<\/p>\n<p>Woran der K\u00fcnstlerin aber besonders lag: sie wollte das Publikum nicht in eine vergangene Zeit versetzen, was sie pr\u00e4sentierte, sollte kein museales Ereignis werden, sondern sie brachte \u2013 wie bei den meisten ihrer Projekte &#8211; auch bei dieser Veranstaltung, deren hingerissener Ohren- und Augenzeuge ich sein durfte, Alte mit Neuer Musik in Verbindung, setzte sie inhaltlich und strukturell zueinander in Beziehung. So holte sie die vielfach rein hermetisch, von einer kleinen Schar von Musikintellektuellen wahrgenommene zeitgen\u00f6ssische Musik aus ihrem Elfenbeinturm und brachte sie einem gr\u00f6\u00dferen Publikum nahe. \u00a0Bei LUX 40 geschah das durch das Modern String Quartett, welches die Musik Striggios in modernen Improvisationen \u00fcber ihre Themen aus der Vergangenheit in die Gegenwart \u00fcbersetzte.<\/p>\n<p>Zu diesem Aspekt trat und tritt in ihren Projekten ein anderer: der syn\u00e4sthetische. Die K\u00fcnstlerin sucht in den Spuren der Licht-Klang-Experimente seit dem 18. Jahrhundert, zumal Alexander Skrjabins, Musik, Licht und Farbe in Verbindung zu bringen, Musik in Licht zu \u00fcbersetzen: Lichtmusik. Daher auch der Titel LUX 40. Und dar\u00fcber hinaus sucht sie R\u00e4ume zum Klingen zu bringen. Die Auff\u00fchrungsorte ihrer Konzerte zeichnen sich stets durch eine besondere Architektur aus: sei es die Herz-Jesu Kirche in M\u00fcnchen, der Mariendom zu Neviges oder eben der M\u00fcnchner Postpalast &#8211; akustisch und architektonisch hochbrisante R\u00e4ume, die das musikalische Ereignis mit ihrem Stein gewordenen ,Eigenklang\u2019 unterst\u00fctzen. Um das auch ins rechte Licht zu r\u00fccken, werden die R\u00e4ume beleuchtet. Dabei geht es darum, den \u00a0Gehalt \u00a0der \u00a0Musik \u00a0mittels \u00a0einer \u00a0wohldosierten \u00a0Inszenierung \u00a0des \u00a0architektonischen Umfelds zu verst\u00e4rken, klarer hervortreten zu lassen und das Publikum so auch auf dieser Ebene zu erreichen.<\/p>\n<p>Durch ihre mehrj\u00e4hrige Zusammenarbeit mit dem Klangforscher Alexander Lauterwasser sucht Michaela Pods-Aue diese Licht-Klang-Raum-Interdependenz \u00fcber reine Assoziationen hinaus in eine methodisch konsequente Bahn zu lenken. Aus dieser Zusammenarbeit entstand auch das \u201ewaternight\u201c- Projekt, bei dem die Wasserklangbilder Alexander Lauterwassers die musikalische Sprache von Orlando di Lasso und anderer Komponisten in Sichtbarkeit \u00fcberf\u00fchrten. Im Zentrum dieses Projekts stand ein Werk der gro\u00dfen russischen Komponistin Sofia Gubaidulina: \u201eAm Rande des Abgrunds\u201c, die von diesem Projekt tief bewegt war.<\/p>\n<p>Musik, Architektur (als Stein gewordener Klang) und Licht (als sichtbare Schwingung) sollen sich f\u00fcr Michaela Pods-Aue wechselseitig inspirieren. Romantische Syn\u00e4sthesie- Spekulationen (Novalis, Brentano) verbinden sich da mit modernsten wissenschaftlichen Erkenntnissen: da\u00df eben akustische und visuelle Wahrnehmungen immer auch durcheinander erregt werden. Bei der Lichtinszenierung im Postpalast setzte das Lichtlabor Bartenbach, Pionier auf dem Gebiet der Lichtgestaltung, in monatelanger Entwicklungsarbeit ein Lichtdesign um, das die Architektur des Postpalastes in seiner Struktur sichtbar machte, und das noch auf eine \u00e4u\u00dferst energiesparende Weise. (F\u00fcr die ganze Inszenierung brauchte man weniger Strom als ein handels\u00fcblicher F\u00f6n.)<\/p>\n<p>All das w\u00fcrde wenig helfen, wenn es vom Publikum nicht angenommen w\u00fcrde. Doch das Gegenteil ist der Fall. Das Publikum wei\u00df wohl, wenn es die syn\u00e4sthetischen musikalischen Veranstaltungen von Michaela Pods-Aue besucht, da\u00df sie eine Sternstunde erwarten d\u00fcrfen: Musik der Sterne, die nach alter Vorstellung nicht nur leuchten, sondern klingen. Was freilich den \u00fcberzeugten Anh\u00e4ngern ihrer Kunst wehtut: da\u00df sie, die den H\u00f6rern und Zuschauern so viel Freude und eine solche Erweiterung ihres Horizonts vermittelt, anstatt sich ganz auf die k\u00fcnstlerische Seite konzentrieren zu k\u00f6nnen, die oft heikle unternehmerische Verantwortung f\u00fcr ihre Projekte tragen mu\u00df. Zwar hat sie sich die daf\u00fcr n\u00f6tigen Kenntnisse in einem berufsbegleitenden MBA-Studium in Z\u00fcrich angeeignet, aber Pioniere m\u00fcssen lange arbeiten, bis sie anerkannt werden. Bei Antr\u00e4gen auf F\u00f6rderung oder Sponsorengewinnung st\u00f6\u00dft sie immer wieder an Grenzen: da es so neu ist, kann man kann sich vielfach nicht vorstellen, was es genau sein soll &#8211; bis man es selber gesehen hat. Die Tatsache, da\u00df die K\u00fcnstlerin die Grenzen der K\u00fcnste auf ein neues Gesamtkunstwerk im modernen Medienzeitalter hin \u00fcberschreitet, gereicht ihr oft zum Nachteil bei den spartenorientierten F\u00f6rdereinrichtungen. (Immerhin hat sich bei LUX 40 das Bayerische Fernsehen und auch der H\u00f6rfunk dieses Projektes angenommen.)<\/p>\n<p>Das Konzertleben l\u00e4uft Gefahr, sich auf seinen immer gleichen Bahnen totzulaufen. Doch hier ist eine K\u00fcnstlerin am Werke, die echte Innovation in die musikalische Auff\u00fchrungspraxis des 21. Jahrhunderts bringt, mit breiter Publikumswirkung. Das aber braucht Unterst\u00fctzung \u2013 auch von Seiten des Staates, der Unternehmen und Organisationen. Die in zehn erfolgreichen Projekten der letzten f\u00fcnfzehn Jahre bewiesene Kompetenz von Michaela Pods-Aue, die Reaktionen des Publikums und die Meinungen f\u00fchrender K\u00fcnstlerkollegen zu ihrer Arbeit d\u00fcrften Beweis genug sein, da\u00df eine F\u00f6rderung ihrer zukunftsweisenden Projekte hoch an der Zeit ist.<\/p>\n<p><em>Prof. Dr. Dr. h.c. Dieter Borchmeyer, Emeritus f\u00fcr Literatur- und Theaterwissenschaft an der\u00a0<\/em><em>Universit\u00e4t Heidelberg, 2004-2013 Pr\u00e4sident der Bayerischen Akademie der Sch\u00f6nen K\u00fcnste.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Prof. Dr. Dr. h.c. Dieter Borchmeyer Michaela Pods-Aue lernte ich im Zusammenhang mit ihrem letzten gro\u00dfen Projekt \u201eLUX 40\u201c im M\u00fcnchner Postpalast kennen. 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